Ein Familienfoto aus den 1930er Jahren. Ein strahlender, gut frisierter kleiner Junge zwischen der herausgeputzten Mutter und dem Vater mit Schnurrbart und in Uniform.

Film

Waffenstillstand - Mein Sommer '45 in Dresden

Der Dokumentarfilmregisseur Hans-Dieter Grabe erinnert sich des nicht nur für ihn besonderen und dramatischen Jahres 1945. Acht Jahre war er damals alt.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2019
Datum:
Sendetermin
06.05.2025
00:25 - 01:00 Uhr

Für manche war der kommende Waffenstillstand undurchschaubarer und beunruhigender als der bisherige Krieg. Für viele aber wurde endlich der Frieden sichtbar. In Erinnerungsfragmenten vermittelt der Autor aus seiner Perspektive, wie er das Kriegsende erlebte.

Am 17. April kehrte überraschend der Vater des Autors, Oberst der Luftwaffe, von einem der Kriegsschauplätze zur Familie zurück. Wenig später trieben heulende Sirenen sie und die übrigen Hausbewohner in den Luftschutzkeller. Der längste aller bisherigen Luftangriffe auf Dresden begann. Eine Sprengbombe verfehlte nur um wenige Meter ihr Haus. Aber Brandbomben hatten es getroffen. Vergeblich versuchte der Vater, eine Feuerwehr anzuhalten. Aber die Familie war immerhin unverletzt, der Vater war da, und nur drei Häuser weiter fanden sie ein Unterkommen.

Grabes Eltern wussten nicht, was sie von einem bevorstehenden Waffenstillstand halten sollten. Das konnte er nicht verstehen. Die Waffen würden still stehen, und Angst vor Bomben müsste das Kind nicht mehr haben. Kein Schuss fiel, als bald darauf die Rote Armee in Dresden einmarschierte. Grabe erlebte die Angst der Erwachsenen vor den Russen. Aber er sah auch deren Erschöpfung. Ihre Gesänge gefielen ihm. Die Gärten rund um die Ruinen wurden für die Kinder zu Abenteuerspielplätzen. Gestohlene Früchte füllten ihre leeren Mägen.

Die Russen verschleppten Grabes Vater. Er und seine Mutter hofften, ihn hinter den Gittern Dresdner Gefängnisse zu entdecken. Nach vielen Wochen geschah das Wunder: Er wurde aus dem ehemaligen KZ Buchenwald, nun ein Speziallager der sowjetischen Geheimpolizei, aus Gesundheitsgründen entlassen. Derweil hatte Grabe von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erfahren. Ein einziges Flugzeug mit nur einer einzigen Bombe vermochte eine ganze Stadt zu zerstören. Was wäre wohl mit ihnen geschehen, wenn es keinen Waffenstillstand gegeben hätte?

Ein neues Schuljahr begann. Die junge Lehrerin schlug den Schülern nicht mehr mit einem langen Lineal auf die Finger. Grabe liebte sie. Und noch einer anderen jungen Frau galt seine kindliche Liebe, als sein Sommer '45 zu Ende ging - einer Seiltänzerin. Vom Turm der Hofkirche aus balancierte sie über die Elbe. Ihr zu Füßen Hans-Dieter Grabe und seine Eltern in einer dicht gedrängten Menschenmenge. Gebannt und atemlos blickten alle nach oben. Nicht aus Angst vor Bombenflugzeugen. Denn der Waffenstillstand hatte gehalten.

Interview mit Filmemacher Hans-Dieter Grabe

In Ihrem umfangreichen Werk sind autobiographische Bezüge selten. Wie kam es zu diesem Projekt, das Kriegsende zum Ausgangspunkt eines Films zu machen?

Bei diesem Projekt erschien es mir sinnvoll, mich mit meinem eigenen Leben und meinen Erinnerungen zu beschäftigen, da hier Autobiographisches und Zeitgeschichte zusammenfallen. Das gibt der Darstellung des Autobiographischen Sinn und Zweck. Meine Erinnerung an 1945 hat mein Leben geprägt, meine Haltung zu Krieg und Frieden. Diese Erfahrung wollte ich weitergeben. Ich hatte das schon lange vor. Der jetzige Zeitpunkt - also genau 75 Jahre nach 1945 - schien mir dafür sehr geeignet.

Von der Fülle der Dokumentationen zum Zweiten Weltkrieg und dem Kriegsende setzt sich Ihr Film durch die konsequent subjektive Perspektive ab. War das von Anfang an Ihre Absicht oder gab es auch andere Optionen?

Das war von vornherein meine Absicht. Ich erinnere mich ja gern der Monate, die ich beschreibe - im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Und die Gründe dafür erscheinen mir mitteilenswert. Es ist mir bewusst, dass ich Glück hatte. Das ist mir schon damals und dann in meinem ganzen Leben bewusst gewesen. Das wäre in einer Dokumentation, die ja immer objektiv erscheinen soll, so nicht möglich gewesen.

Porträtfoto Hans-Dieter Grabe
Hans-Dieter Grabe, Jahrgang 1937, wurde unter anderem dreimal mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.
Quelle: ZDF

Die Schilderung des eigenen Erlebens, des vor allem nachprüfbaren eigenen Erlebens, ergibt eine besondere und wichtige Form der Glaubwürdigkeit, und Glaubwürdigkeit spielt ja in unserer Arbeit und in meiner Arbeit als Journalist und Dokumentarfilmer eine besondere Rolle. Es war mir wichtig, deutlich zu machen, worin in diesem Jahr 1945, an das sich Viele bedrückt als an das Jahr des Zusammenbruchs erinnern, die Gründe für Freude, für meine Freude und auch Dankbarkeit lagen.

Es gab die Bombenangriffe, die Zerstörung meiner geliebten Heimatstadt Dresden, die Zerstörung des Hauses meiner Kindheit durch Bomben, die Angst vor Bomben. Aber es gab eben auch die unerwartete Rückkehr meines Vaters aus dem Krieg. Und er war unverletzt. Die Bomben auf unser Haus überlebten wir, ebenfalls unverletzt. Wir bekamen nur drei Häuser weiter ein Unterkommen in zwei großen, schönen Zimmern. Die Russen verschleppten meinen Vater, Oberst der Luftwaffe. Aber er kam - was für ein unerwartetes, großes Glück - zu uns zurück. Kein Hass auf Russen entstand bei mir.

In die Schule, die ich gehasst hatte - eine Oberstudienrätin schlug uns Kinder mit ihrem langen Lineal auf die Finger - ging ich jetzt gern. Meine neue, junge Lehrerin liebte ich. Ein neues Wort lernte ich - Waffenstillstand. Und ich erlebte förmlich, was es bedeutete: Die Waffen stehen still, ich muss keine Angst mehr vor Bomben haben. Die Freude darüber fühle ich noch heute mit großer Dankbarkeit. All das spricht für die von mir gewählte subjektive Perspektive.

Mein ZDF-Kollege Bodo Witzke wusste, warum er seinem Buch über mich, in dem er seine Gespräche mit mir veröffentlicht hatte, den Titel gab "Ich muss nicht Angst vor Bomben haben".

Nach welchen Kriterien haben Sie die Archivmaterialien ausgesucht?

Das Archivmaterial soll meine Erinnerungen begleiten, verdeutlichen und erklären. Es soll zeigen, was mir bei diesem Film so wichtig ist, zeigen, was die meisten Zuschauer so nicht vor Augen haben. Was Krieg anrichtet, wie die Städte aussahen, wie meine geliebte Stadt Dresden 1945 aussah. Derartige Erinnerungsbilder vor Augen erzeugen bei mir heute die Freude über die Bilder wieder aufgebauter Städte, die Freude, das Glück zu haben, in Frieden zu leben.

Außerdem suchte ich in den Archivbildern nach Anfängen eines von mir herbeigesehnten Wiederaufbaus. Ich freute mich, eine Filmszene mit Trümmerfrauen zu finden. 1968 drehte ich einen Dokumentarfilm über die Tümmerfrauen von Berlin. Viele Gedanken und Gefühle aus dem Sommer '45 sind erhalten geblieben und prägen mein Leben und meine Arbeit. Am 4. Mai folgt in 3sat auf "Waffenstillstand - Mein Sommer '45 in Dresden" mein Dokumentarfilm "Geschichten vom Essen", der auch "Geschichten vom Krieg" heißen könnte.

In dem Film gibt es eine Szene, in der Sie Phantasien Bild werden lassen, die Sie als Kind hatten. Hätte es Sie gereizt, auch einen Spielfilm über diese Zeit zu inszenieren?

Ich habe nie an einen Spielfilm über diese Zeit gedacht. Dem Authentischen, der Wirklichkeit fühle ich mich viel näher, wenn ich das mit dokumentarischen Mitteln erreichen kann und eben auch wie jetzt mit meinen nachprüfbaren eigenen Erinnerungen. An der Filmhochschule war ich umgeben von Studenten, die es zum Spielfilm zog. Schon in meinem zweiten Studienjahr hatte ich meine Liebe zum Dokumentarfilm entdeckt. Die Darstellung eigener Erinnerungen ist für mich eine Ausnahme.

Neugierig war und bin ich auf Menschen, suchte ihre Erinnerungen einzufangen, darzustellen. Mit dem Mittel des Dokumentarfilms. Gesprächsfilme entstanden. Ein großes Glück für mich war, dass ich von meinem Sender ZDF die Möglichkeit erhielt, daraus eine eigene Sendereihe zu machen: "Lebenserfahrungen". Die Nähe zu Fragen betreffend Frieden und Krieg begleitete meine Filmarbeit. Die Menschen vor unserer Kamera sprachen über ihre Erfahrungen in Hiroshima und Nagasaki, in Vietnam während des dortigen Krieges, im Zweiten Weltkrieg, in KZ-Lagern.

Sie erwähnen in dem Film die Offizierslaufbahn Ihres Vaters und dass diese aus der Rückschau für Sie Fragen aufwarf. Hat es Gespräche mit Ihrem Vater darüber gegeben?

Ich hatte Fragen an meinen Vater. Gespräche aber entstanden daraus kaum. Eltern und Kinder waren in der Zeit meiner Kindheit und Jugend dazu noch weniger in der Lage als heute. Eine Rolle spielte gewiss auch das relativ hohe Alter meines Vaters. Als ich 14 war, befand sich mein Vater bereits in seinem 63. Lebensjahr. Für ihn, den Berufsoffizier, spielte das Kaiserreich eine große und positive Rolle. Ich machte darüber meine Witze. Auch das war ernsten Gesprächen über die Vergangenheit meines Vaters nicht förderlich.

Gibt es noch andere Phasen Ihrer Kindheit und Jugend, die Sie ebenso beschäftigen wie das Kriegsende?

Neben 1945 war 1959 ein bedeutendes, einschneidendes Jahr. Ich war im vierten Studienjahr Regiestudent der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Noch vor Erlangung des Diploms sah ich mich veranlasst, die DDR zu veranlassen. Das war ein Schritt, der mir sehr schwer gefallen ist, ein Schnitt durch mein Leben. Zum Glück gab es keinen Grund, diesen Schritt zu bereuen. Wäre ich in der DDR geblieben, ich hätte - wenn mir ein Arbeiten überhaupt möglich gewesen wäre - als Dokumentarist nichts von dem machen können, was mir dank einer Festanstellung als Redakteur und Dokumentarfilmer im ZDF möglich wurde. Hier konnte ich viel von dem verwirklichen, was für mich schon während meines Studiums wichtig geworden war. Auch darin hatte ich - wie schon 1945 - wieder Glück.

Interview: Udo Bremer, 3sat, April 2020

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